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Muttersprache oder Vatersprache?

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Mit der Prähistorie der Sprachen und des Sprachwandels beschäftigen sich längst auch Genetiker. Die Datenanalyse von Peter Forster und Colin Renfrew stellt infrage, was wir im Blick auf den Spracherwerb für selbstverständlich hielten.

Von Elisabeth Hamel

Von wem lernt ein Kind die Sprache? Ohne zu zögern, ordnen wir den ersten Spracherwerb dem Einfluss der Mutter zu. Das Konzept "Muttersprache" kennt nicht nur das Deutsche; den meisten Völkern - so den Engländern, den Chinesen oder den Indern - ist es geläufig. Im Englischen zum Beispiel spricht man von mother tongue, im Chinesischen von mu yu und in Malayalam (Süd-Indien) madru fasha. Zugrunde liegt die Denkgewohnheit, dass ein Kind seine erste Sprache von der Mutter übernimmt; denn in aller Regel verbringt der Vater weniger Zeit mit seinen Kindern als die Mutter, weil er außer Haus im Überlebenskampf bestehen muss.

Umso überraschender, was das britisch-deutsche Forschergespann Peter Forster und Colin Renfrew aus neueren genetischen Studien erschloss: In früheren Jahrtausenden gab in bilingualen Familien vielfach nicht die Mutter, sondern der Vater seine Sprache an die Kinder weiter!

Der Genetiker Forster arbeitet seit langem mit dem Archäologen Renfrew zusammen, der sich eingehend mit der Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht in Verbindung mit den indoeuropäischen Sprachen befasst hat. Die Forscher durchsuchten die neuesten regionalen Studien anderer Autoren zur Genetik sowie die DNS-Daten ihrer eigenen Probanden aus aller Welt. An Forsters Projekt Roots for Real nahmen bisher annähernd 1500 Freiwillige teil.

Ob Nahrungsknappheit sie dazu trieb, ob eine erfolgreiche Kultur sich schlicht ausbreitete oder ob sie Eroberungszüge bezweckten: Unsere Vorfahren wanderten. Sprachliche und genetische Merkmale der entstandenen Völker legen davon heute noch Zeugnis ab. Bisher stützten sich Aussagen beispielsweise darüber, welche genetische Linie den Trägern des Ackerbaus zugeordnet werden kann und welche Sprache mit welcher genetischen Linie korreliert, auf Annahmen und Vermutungen und wurden unter den Genetikern heiß diskutiert.

Große Migrationsphänomene wie die Auswanderung des Modernen Menschen aus Afrika oder die nacheiszeitliche Besiedelung Europas hat der Genetiker Forster über die Mitochondrien-DNS und das Y‑Chromosom beleuchtet. (Fußnote1)

Die nichtrekombinierende DNS macht eine direkte mütterliche Abstammungslinie und eine direkte väterliche Abstammungslinie rekonstruierbar. Die Mutterlinie liefern die Mitochondrien, die nur über die Mutter an die Nachkommen weitergegeben werden. Die Vaterlinie ist über nichtrekombinierende Abschnitte am Y‑Chromosom rekonstruierbar und wird vom Vater auf den Sohn vererbt. Beide Linien ergeben getrennt voneinander zwei weltumspannende Stammbäume.

Die Verteilung der verschiedenen Mitochondrien-Typen stellt in den meisten Gebieten der Erde ein eher regionales Phänomen dar. Ein Zusammenhang mit den dort gesprochenen Sprachen lässt sich kaum erkennen. Anders steht es mit dem männlichen Erbgut. Renfrew und Forster fanden heraus, dass die Verteilung bestimmter Y‑Typen mit der Verteilung der Sprachen in bestimmten Regionen der Erde deckungsgleich ist - ein Faktum, das den anderen Autoren dieser Studien nicht aufgefallen war.

In Neuguinea beispielsweise spricht man melanesische Sprachen; aber an einigen Küstenorten gibt es Spracheinsprengsel aus dem Polynesischen. Und genau dort finden sich bestimmte Y‑Typen, die für die Polynesier typisch sind. Diese Y‑Typen sind in den polynesischen Sprachinseln nur zu zehn Prozent zu finden, und dennoch dominiert dort Polynesisch. Die wenigen männlichen Sprecher des Polynesischen konnten ihre Sprache offensichtlich durchsetzen.

Ähnliches zeigt sich in Island: Von der mütterlichen Abstammung her sind die Isländer hauptsächlich Briten, vom Y‑Typ her eher Skandinavier, und auch hier entspricht die Sprache dem männlichen Erbgut. Das hatte Forster bereits 2004 postuliert und war dafür von den Linguisten harsch kritisiert worden. Nun kann er seine Annahme untermauern.

Auch in Afrika korrelieren Bantu- und andere Niger-Kordofan-Sprachen mit dem Y‑Typ. Und ebenso ist es mit den utoaztekischen Sprachen in Amerika. DieAzteken waren bis zu ihrer Zerschlagung durch die Spanier ein kulturell hochstehendes Volk. Anhand der Sprachzeugnisse und der Gene rekonstruiert man heute mühsam stückweise ihre Geschichte. Die Datenanalyse bestätigt, dass die Sprachen der Azteken mit der Y‑DNS korrelieren.

 

Männer, die Frauen imponieren, und sei es nur durch die ehemals so überlebensnotwendigen Körperkräfte, verbreiten offensichtlich neben ihren Genen ebenso sehr ihre Kultur und ihre Sprache. Die Frauen der Vor- und Frühgeschichte fanden anscheinend Alphamänner begehrens- und nachahmenswert, so dass sie mit ihnen Kinder zeugten und sowohl ihre Sitten als auch ihre Sprache übernahmen.

 

Für die prähistorischen Jahrtausende gilt der Zusammenhang zwischen Y‑Typ und Sprache nach Forsters Ergebnissen an vielen Orten der Erde. In historischen Zeiten zeichnen die analysierten Abstammungslinien ein anderes Bild. Auf Grönland beispielsweise sprechen 50 000 Bewohner Kalaallisut, eine Eskimosprache. Die nordamerikanische Herkunft der Mitochondrien-Typen deckt sich mit jener der Eskimosprachen. Was die grönländischen Y-Typen betrifft, so stammt die Hälfte aus Europa - von Kurzbesuchen europäischer Walfänger der letzten Jahrhunderte. Andere Zeiten - andere Phänomene.

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(Fußnote1)
Vgl. Forster, Peter 2004: "Ice Ages and the mitochondrial DNA chronology of human dispersals: a review". In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Series B, Biological Sciences Feb 29;359(1442):255 -64; discussion 264.

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Genetic Ancestor Ltd. und Eurofins Medigenomix arbeiten bereits seit 2002 zusammen. Eurofins Medigenomix führt die DNA Analysen in seinem europaweit führenden Labor durch und sendet die Ergebnisse an Peter Forster für die Auswertung und Übermittlung an den Kunden. Die Abstammungsanalysen mit mitochondrialer und Y-Chromosomaler DNA können Sie direkt bestellen bei Dr. P. Foster über Roots for Real